Denkraum Neurowork · Tanja Föhr · 2026
1. Das Modell: Fünf Stufen der Stress-Regulation
Das folgende Bild zeigt ein populärwissenschaftliches Stufenmodell von Dennis Tefett (2026). Es beschreibt einen Weg von der automatischen Stressreaktion über bewusstes Erleben bis zur aktiven Veränderung – von unten nach oben, von Reflex zu Integration.
Die Grundlogik der Pyramide ist neurobiologisch sinnvoll: Erst Stabilisierung, dann Bewusstsein, dann Veränderung. Regulation kann nicht übersprungen werden – genau wie man keinen zweiten Stock bauen kann, bevor das Fundament steht.[1]

Abb. 1: Fünf Stufen der Stress-Regulation (Dennis Tefett, Visualisierte Neurowissenschaft, 2026)
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
2.1 Polyvagal-Theorie (Stephen Porges)
Das autonome Nervensystem arbeitet hierarchisch. Stephen Porges beschreibt drei evolutionäre Ebenen[2]:
- Der myelinisierte Vagus (soziales Engagement, Kooperation) – die jüngste, am stärksten entwickelte Ebene
- Das sympathisch-adrenale System (Kampf/Flucht) – aktiviert bei mittelgradiger Bedrohung
- Der unmyelinisierte Vagus (Erstarrung, Immobilisierung) – die älteste, primitivste Ebene
Das Entscheidende: Solange das Nervensystem in einem unteren Zustand verharrt, sind höhere Funktionen wie Lernen, Kreativität und Kooperation neurobiologisch nicht zugänglich. Regulation ist damit keine Wellness-Option, sondern eine kognitive Voraussetzung.
2.2 Interozeption und Emotionsregulation (Frontiers-Forschung)
Bevor man regulieren kann, muss man spüren. Aktuelle Forschung[3] zeigt: Interoceptive Awareness – die Fähigkeit, innere Körperzustände wahrzunehmen – ist eine Schlüsselkompetenz für Emotionsregulation. Wer seinen eigenen Stresspegel nicht spürt, kann ihn nicht beeinflussen.
- Fehlende Interozeption korreliert mit Emotionsstörungen, PTSD und Depression
- Interventionen, die Körperwahrnehmung schulen (MABT), verbessern nachweislich die Regulationsfähigkeit
- Die Verbindung Körper–Geist–Gefühl ist keine Metapher, sondern messbare Physiologie
3. Die fünf Stufen – kritisch bewertet
Die Pyramide beschreibt die Grundstruktur des Regulationsweges korrekt. Hier die Einordnung jeder Stufe:
| Stufe | Was das Modell sagt | Evidenz-Check |
| Reaktion · Reflex | Automatische Stressreaktion, Amygdala übernimmt | ✅ Solide belegt – Amygdala-Hijack, sympathisches Nervensystem |
| Wahrnehmung · Spüren | Körpersignale wahrnehmen, Interozeption | ✅ Stark belegt – Interozeption als Grundlage jeder Regulation |
| Pause · Kurz innehalten | Automatismus unterbrechen, Response Inhibition | ✅ Gut belegt – präfrontaler Kortex reguliert impulsive Reaktionen |
| Regulation · Bewusst atmen | Aktive Atemkontrolle, Vagusaktivierung | ✅ Sehr gut belegt – langsame Ausatmung aktiviert Vagusnerv, senkt HRV-Stress |
| Integration · Muster verändern | Langfristige neuronale Umstrukturierung, Reife | ⚠️ Prinzip stimmt (Neuroplastizität), aber: dauert Wochen bis Monate – nicht Tage |
| Kritischer Punkt: Das Modell suggeriert eine tagesaktuelle Leiter („Welche Stufe haben Sie heute erreicht?“). Das ist vereinfachend. Regulation ist kein linearer Aufstieg, den man täglich abarbeitet. In der Realität ist es ein dynamisches System: Man kann morgens auf Stufe 5 sein und nach einer schwierigen E-Mail wieder bei Stufe 1 landen. |
4. Was fehlt – und was für Neurowork entscheidend wäre
4.1 Co-Regulation fehlt vollständig
Das ist der blinde Fleck des Modells. Das Nervensystem reguliert sich nicht primär von innen heraus – Menschen beruhigen sich vor allem durch sichere soziale Verbindung. Eine ruhige Stimme, ein Nicken, ein Blick, ein sicherer Raum. Das ist kein Kuschelfaktor sondern Kern der Polyvagal-Theorie.
Co-Regulation bedeutet: Ein reguliertes Nervensystem kann das Nervensystem eines anderen Menschen regulieren. Das passiert neurologisch, nicht kognitiv – also unterhalb von Bewusstsein und Sprache. (Super-Power Co-Regulation ;-))
- Säuglinge regulieren sich ausschließlich durch Co-Regulation
- Erwachsene bleiben lebenslang auf Co-Regulation angewiesen
- Stressige Meetings dysregulieren – ruhige Facilitator-Präsenz reguliert
4.2 Das dynamische System
Regulation ist keine Leiter, die man erklimmt. Es ist ein dynamisches System mit Rückkopplungsschleifen:
- Soziale Umgebung → Nervensystemzustand → Kognitionsfähigkeit → Verhalten → Wirkung auf die soziale Umgebung
Ein Modell, das nur das Individuum adressiert, greift zu kurz. Systeme, Meetings, Organisationskulturen sind co-regulatorische Umgebungen – ob man will oder nicht.
5. Die Kernfrage für Neurowork
Welche Bedingungen muss ein System schaffen, damit Menschen überhaupt in der Lage sind zu spüren, innezuhalten und zu regulieren?
Diese Frage verschiebt den Blick fundamental: Nicht das Individuum ist das Problem – das System ist die Variable. Und damit wird Regulation zu einer Frage von Architektur, Design und Führung.
| 🐟 Die Fisch-Metapher Man kann einem Fisch noch so gut erklären, wie man schwimmt – wenn das Wasser vergiftet ist, hilft kein Regulationsmodell. Erst muss das Wasser sauber sein. |
Das bedeutet konkret: Bevor wir Menschen Atemübungen beibringen, müssen wir uns fragen, was in der Organisation, im Meeting-Design, in der Führungskultur das Nervensystem dauerhaft dysreguliert.
Systemische Bedingungen für Regulation – eine erste Liste
- Psychologische Sicherheit (kein Status-Verlust durch Fehler oder Widerspruch)
- Zeitliche Entschleunigung (Pausen, keine permanente Überstimulation)
- Vorhersehbarkeit und Transparenz (Unsicherheit kostet Regulationskapazität)
- Soziale Verbundenheit (echte Verbindung, nicht performte Teamkultur)
- Co-regulierende Führung (Führungspersonen, die selbst reguliert sind)
- Sensorische Qualität des Raums (Licht, Lärm, Temperatur – der Körper ist immer dabei)
6. Fazit
Das Stufenmodell von Tefett ist ein nützliches Orientierungsmodell für Individuen. Als Grundlage für Neurowork reicht es nicht – denn es adressiert nur die Hälfte der Realität.
Die andere Hälfte ist das System. Regulation ist kein individuelles Leistungsmerkmal, sondern das Ergebnis eines Zusammenspiels aus persönlicher Kapazität und systemischen Bedingungen.
Neurowork beginnt deshalb mit der Frage: Was tut das System – bewusst oder unbewusst – mit dem Nervensystem der Menschen darin? Und wie können wir Systeme so gestalten, dass Regulation möglich wird?
| Kernbotschaft: Nicht Menschen sollen sich dauerhaft an überfordernde Systeme anpassen. Systeme werden so gestaltet, dass Menschen gesund denken, lernen, widersprechen und mit Komplexität umgehen können. |
Tanja Föhr · Neurowork · 2026
[1]Dennis Tefett, Visualisierte Neurowissenschaft – Fünf Stufen der Stress-Regulation (2026).
[2]Stephen W. Porges, Polyvagal Theory (2011). Ausführlich erklärt in: https://www.psychologyinaction.org/5805-2/
[3]Farb et al. (2015), Craig (2015): Interoceptive Awareness Skills for Emotion Regulation. Frontiers in Psychology. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2018.00798/full
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