Wie die Mitmachkampagne „Wir wurzeln“ entstanden ist
Es war ein heißer Tag in Braunschweig, als mir klar wurde, dass ich etwas tun will.
Ich moderierte einen Fachtag zum Thema Rassismus für den Niedersächsischen Integrationsrat. Was ich dort gehört habe, waren keine Statistiken. Es waren Menschen, die sehr offen davon erzählten, wie unsicher sie sich zunehmend fühlen. Wie stark sich das Klima verändert hat, in dem sie leben. Nicht in großen Worten, sondern an Alltäglichem: an Blicken, an Sätzen, an Situationen, die vor ein paar Jahren noch nicht so gewesen wären.
Ich bin an diesem Tag nicht als Betroffene im Raum gewesen. Ich bin als Moderatorin gekommen und als jemand gegangen, der eine Frage mitgenommen hat: Was kann man dem entgegensetzen, das nicht wieder nur ein Appell ist?
Was ich schon wusste
Diese Frage war nicht neu für mich. Beim Schreiben meines Buches über Klimakommunikation „Recht haben reicht nicht“ hatte ich mich lange damit beschäftigt, wie wir eigentlich wieder besser miteinander ins Gespräch kommen. Wie wir gemeinsam etwas tun können, statt übereinander zu reden. Wie wir hier gut leben können – miteinander und nicht gegeneinander.
Beim Schreiben ist mir einiges klar geworden, was ich vorher nur geahnt hatte. Vor allem dies: Es reicht nicht, recht zu haben.
Warum noch ein Appell nicht hilft
Wenn man sich umschaut, sieht man etwas, das leicht zu übersehen ist, weil es so unspektakulär aussieht: Die Menschen sind müde.
Müde von Krisen, die sich überlagern. Müde von Ansprüchen. Müde von Veränderungsprozessen, die kaum abgeschlossen sind, bevor der nächste beginnt. In dieser Lage wirkt ein weiteres wichtiges Thema nicht mehr motivierend. Es macht noch müder.
Genau darauf zielen einfache, populistische Antworten. Sie versprechen Entlastung. Sie sagen: Es ist ganz leicht, und schuld sind die anderen. Das ist attraktiv, wenn man erschöpft ist.
Dagegen hilft kein weiterer Aufruf. Dagegen hilft nur etwas, das leicht ist, positiv und konkret. Etwas, das man tun kann, statt darüber zu diskutieren.
Die Suche nach dem gemeinsamen Nenner
Also habe ich mich gefragt: Gibt es ein Thema, das wirklich alle betrifft? Eines, bei dem es egal ist, wo jemand herkommt, welche Religion er hat oder welche Partei er wählt?
Es gibt eines. Unsere größten Herausforderungen sind der Schutz des Klimas und der Artenvielfalt. Nicht als politische Position, sondern als schlichte Tatsache: Saubere Luft, Wasser, Schatten, eine Natur, die trägt – das brauchen wir alle. Ausnahmslos.
Das kann ein Dach sein. Ein Rahmen, unter dem viele stehen können, die sonst wenig gemeinsam haben.
Und dann der Baum
Ein sichtbares Zeichen dafür ist einfach: einen Baum pflanzen.
Ein Baum ist erst einmal positiv. Er ist konkret, er bleibt, er wächst weiter, wenn die Aufmerksamkeit längst woanders ist. Und fast jeder Mensch kann sich mit ihm identifizieren – man muss dafür keiner Meinung zustimmen.
Aber ein gepflanzter Baum allein erzählt noch nichts. Deshalb gehört zu jedem Baum eine Tafel – eine Wurzeltafel.
Zwei Drittel gemeinsam, ein Drittel frei
Jede Wurzeltafel ist gleich aufgebaut. Zwei Drittel sind fest: der Name der Kampagne, das Versprechen und die drei Worte, um die es geht – Würde, Verantwortung, Verbundenheit.“ „Dieser Baum ist ein Versprechen. Wir wollen unsere Lebensgrundlage bewahren – für alle, die heute und morgen hier leben. Ein Baum allein rettet nichts. Aber er ist ein Anfang. Mach mit – so, wie die kannst.“
Ein Drittel gehört der Initiative, dem Verein, dem Unternehmen oder der Privatperson, die den Baum pflanzt. Dort steht, was sie selbst sagen möchte. Ihr Baumname, ihr Logo, ihre eigene Begründung.
Diese Aufteilung ist kein gestalterischer Zufall. Sie ist das Prinzip, nach dem eine liberale Demokratie funktioniert: Wir haben einen Rahmen, auf den wir uns geeinigt haben und der uns Freiheit und Sicherheit gibt. Und darin einen Raum, in dem jeder so sein kann, wie er möchte.
Man muss nicht werden wie alle anderen, um dazuzugehören. Das steht auf jeder einzelnen Tafel, ohne dass es jemand aussprechen muss.
Zwei Menschen, die sofort ja gesagt haben
Ich organisiere die Tafeln und die Plattform. Aber allein wäre daraus nichts geworden.
Gleich im ersten Schritt habe ich zwei wichtige Unterstützer gefunden: Özcan Irkan, Vorstandsvorsitzender des Niedersächsischen Integrationsrats, und Stefanie Schünemann, Leiterin der Geschäftsstelle. Beide waren sofort dabei. Nicht zögernd, nicht abwartend – begeistert.
Von diesem Moment an war auf einmal sehr viel Energie da.

Was es jetzt schon gibt
Die Kampagne startet am 1. September. Die Website steht, und sie ist bewusst so gebaut, dass sie ohne mich funktioniert: Wer mitmachen möchte, gestaltet seinen eigenen Teil der Tafel selbst und bestellt sie direkt. Das ist kein Sparmodell, sondern Voraussetzung dafür, dass viele mitmachen können, ohne auf mich warten zu müssen.
Dazu gibt es:
- eine Karte, auf der nach und nach alle Bäume sichtbar werden
- einen Pressebereich zum Herunterladen, damit jede Initiative ihre eigene lokale Öffentlichkeit organisieren kann
- einen Vorschlag, wie eine Pflanzung als kleine Zeremonie ablaufen kann
- einen Song
Und es werden bestimmt noch viele Ideen dazukommen, die nicht von mir stammen. Das ist ausdrücklich erwünscht.
Obwohl die Kampagne noch gar nicht begonnen hat, gibt es bereits die ersten Zusagen.
Machen Sie mit
Ich würde mich freuen, wenn viele dabei sind. Vereine, Schulen, Kitas, Gemeinden, Unternehmen, Nachbarschaften, einzelne Menschen mit einem Garten.
Nicht, weil ein einzelner Baum die Welt rettet. Sondern weil wir dieses gemeinsame Tun brauchen – und weil aus vielen kleinen Aktionen etwas entsteht, das man sehen kann.
Ein Baum. Ein Versprechen.
Categories: Allgemein




































