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Energy Sharing in Deutschland: politisch gewollt, praktisch ausgebremst

Gestern habe ich in Oldenburg die Abschlussveranstaltung eines zweijährigen Pilotprojekts zu Energy Sharing im Nordwesten moderiert – in der Hallig Hanken, einem offenen Ort, der Austausch auf Augenhöhe nicht nur erlaubt, sondern fast erzwingt. Genau das war spürbar: Vertreter:innen aus Kommunen, Netzbetrieb, Forschung, Bürgerenergie, Bildung und Zivilgesellschaft kamen niedrigschwellig ins Gespräch – nicht in starren Fronten, sondern im echten Arbeitsmodus.  

Für mich war das ein Beispiel dafür, was gute Fachmoderation leisten kann: nicht nur Redezeiten verwalten, sondern einen Raum so strukturieren, dass aus vielen Perspektiven ein belastbares Lagebild entsteht. Wir haben mit persönlichen Einstiegen, kurzen Interaktionen, Mikrodialogen, Graphic Recording und einer Fishbowl gearbeitet. Das hat geholfen, Komplexität nicht zu glätten, sondern besprechbar zu machen. Gerade bei Energiethemen ist das entscheidend, weil hier technische, rechtliche, wirtschaftliche und soziale Fragen permanent ineinandergreifen.

Inhaltlich war die Lage klarer, als es manche politische Kommunikation vermuten lässt: Ab dem 1. Juni 2026 wird Energy Sharing in Deutschland mit § 42c EnWG erstmals ausdrücklich geregelt. Damit ist ein wichtiger Schritt gemacht. Gleichzeitig war in der Diskussion sehr deutlich zu hören: Der Rechtsrahmen allein schafft noch keinen funktionierenden Markt. Fachquellen beschreiben das deutsche Modell selbst als begrenzte Lösung; die Umsetzung ist zunächst räumlich eingegrenzt, und die praktische Abwicklung bleibt an technische und organisatorische Voraussetzungen gekoppelt.  

Genau dort lagen auch die Spannungen des Tages. In meiner Graphic Recording-Dokumentation tauchten immer wieder dieselben Punkte auf: fehlende ökonomische Anreize, ein noch unvollständiger Smart-Meter-Rollout, offene Fragen der Marktkommunikation, hohe Komplexität bei Abrechnung und Bilanzierung sowie der Bedarf nach einer zentralen, verlässlichen Plattformstruktur. Diese Punkte sind nicht nebensächlich. Sie entscheiden darüber, ob Energy Sharing ein Nischenmodell bleibt oder tatsächlich skaliert.

Besonders nachdenklich macht mich dabei ein sozialpolitischer Punkt: Wenn Energy Sharing in Deutschland vor allem dort funktioniert, wo bereits Eigentum, Kapital, Technikzugang und organisatorische Ressourcen vorhanden sind, dann reproduziert die Energiewende genau jene Ungleichheiten, die sie eigentlich abbauen müsste. Eine sozial-ökologische Transformation braucht mehr als technische Machbarkeit. Sie braucht Teilhabefähigkeit.

Und genau hier wurde die Debatte interessant. In den Gesprächen wurde mehrfach deutlich: Energy Sharing ist nicht nur ein Thema für Eigenheimbesitzer:innen mit Photovoltaik auf dem Dach. Es berührt die Frage, wie auch Menschen ohne eigenes Haus, ohne große Investitionsspielräume oder ohne technisches Spezialwissen an den Vorteilen der Energiewende beteiligt werden können. Wenn diese Gruppen systematisch außen vor bleiben, wird aus einem Transformationsinstrument schnell ein Privilegienmodell.

Der Blick in andere europäische Länder verschärft diesen Befund eher, als dass er ihn entschärft. In Ländern wie Österreich und Italien ist Energy Sharing deutlich länger im Markt verankert; zugleich wird in der deutschen Debatte immer wieder darauf verwiesen, dass dort stärkere wirtschaftliche Anreize existieren als im hiesigen Modell. Auch in der Begründung zum deutschen Rechtsrahmen wird nicht davon ausgegangen, dass Energy Sharing kurz- oder mittelfristig ein Massengeschäft wird. Genau das ist aus Transformationssicht das Problem.  

Mein Eindruck nach diesem Tag ist deshalb zweigeteilt. Erstens: Das Thema hat enormes Potenzial. Die Fachlichkeit im Raum war hoch, die Praxisbeispiele konkret, das Interesse an Gründungen und lokalen Lösungen real. Zweitens: Deutschland macht es den Beteiligten unnötig schwer. Wer Energy Sharing politisch zulässt, aber technisch, wirtschaftlich und organisatorisch nicht wirklich anschlussfähig macht, produziert Frustration statt Beschleunigung.

Für mich bleibt als Quintessenz: Transformation braucht nicht nur Gesetze, sondern funktionierende Umsetzungsarchitekturen. Und sie braucht Formate, in denen unterschiedliche Akteursgruppen einander nicht nur zuhören, sondern gemeinsam Widersprüche sichtbar machen, Interessen sortieren und konkrete nächste Schritte diskutieren können. Genau dort beginnt die eigentliche Arbeit.

Ich nehme aus Oldenburg viele starke Bilder mit: engagierte Forschende, gründungsinteressierte Bürgerenergie-Akteur:innen, Praktiker:innen aus Kommunen und Netzstrukturen, offene Fragen zur Wirtschaftlichkeit – und die sehr klare Erkenntnis, dass Energy Sharing in Deutschland nur dann relevant wird, wenn es nicht als Spezialfall für wenige, sondern als Teil einer breiteren, sozial anschlussfähigen Energiewende gedacht wird.

Moderation in solchen Kontexten heißt für mich deshalb nicht: neutral durch ein Programm führen.

Moderation heißt: Komplexität strukturieren, Spannungen produktiv machen und Gespräche so gestalten, dass aus Fachwissen gemeinsame Handlungsfähigkeit werden kann.

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